Romeo und Julias Geschichte in Kürze erzählt: unsterblich verliebt, heimlich verheiratet, tragisch verstorben. Davor und danach: Mord und Totschlag. In dieser Inszenierung dient Shakespeares Dramentext lediglich als Inspiration. Der eigentliche Star des Abends ist das Ensemble selbst, das sich dem Klassiker mit ganz eigenen Erinnerungen, Bildern und Geschichten entgegensetzt.
Das Herausragende an der Kooperation zwischen dem freien Theaterkollektiv i can be your translator und Ensemblemitgliedern des Schauspiel Dortmunds ist die Position der Regie. Regisseurin Linda Fisahn sitzt noch während der Aufführungen persönlich am Regiepult im Publikum, um jederzeit nach Gusto in das Geschehen eingreifen zu können. Eine radikal persönliche Perspektive: Szenen werden übersprungen oder gestrichen, wenn sie nicht gefallen – oder aber immer wieder zur Kussszene zurückgespult. Die Regisseurin begibt sich auf einen schmalen Grat zwischen konsequenter Machtausübung und korrigierender Selbstermächtigung.
In seiner ungenierten Radikalität des Kürzens lädt der Abend dazu ein, sich selbst zu fragen: Wie sehe ich Romeo und Julia? Welche Liebes-Erzählungen haben mich geprägt? Und welche Formen der Liebe würde ich heute noch trinken – und welche sind längst vergiftet?
Text: Jonas Leifert für das FAVORITEN Festival